Support your local Copyist

Wenn ich diesen Satz von Tyler Brûlé, dessen Vater noch kein Accent Circonflexe auf dem U hatte und kein Aigu auf dem E, kopiere und hier einsetze, bin ich schon in die Falle gegangen.

Die meisten Blogger reagieren ja nur anstatt selbst zu recherchieren oder zu berichten. Sie gehen nach dem Copy-and-Paste-Prinzip vor, sprich: Sie kopieren irgendwo Texte heraus, fügen sie in ihr Blog ein und kommentieren das. Für mich hat das aber nichts mit Journalismus zu tun!

So. Jetzt bin ich mittendrin in der Falle. Und jetzt kommentiere ich das auch noch.
Tyler Brûlé hat recht. Würde ich in einem Anfall von Bloggerdepression sagen, den ich bisher nach jedem Blogblick hatte. Denn wenn man tatsächlich über Technorati zu einem bestimmten Thema etwas in Blogs sucht, ist das so, als würde man in Darkrooms auf die Liebe seines Lebens hoffen. Das kann einen sehr traurig machen. Da findet man Blogger, die einem die große Politik mal eben erklären wollen und Sätze bilden, die einem von der Grundschullehrerin zum Thema “Mein allerschönster Ferientag” um die Ohren gehauen worden wären. Die allermeisten schreiben sowieso nichts selber, keinen eigenen Satz, sondern verweisen darauf, was bei Spiegel Online steht. Aber so liest man ja nicht Blogs. Man greift auch nicht in den Arsch einer Kuh in der Hoffnung, ein Schnitzel heraus zu ziehen. Man folgt – ich trete hier eine Binse breit – den Empfehlungen von Leuten, die man schätzt und findet nach und nach Sachen, die man sich in Zeitungen vergeblich wünscht. Diese Empfehlungskultur funktioniert nicht nur für Artikel. Ich weiß bei der Kommentarspalte meines gestrigen Spreeblickartikels blind, dass ich mir einige von den Sachen kaufen (wir nennen es kaufen) kann und nicht enttäuscht sein werde.
Und nein: das ist kein Blogger vs. Journalisten-Artikel, weil es sehr gute bloggende Journalisten gibt und ich in absehbarer Zeit nicht auf die Süddeutsche oder die FAS verzichten möchte. Denn das, was der begriffsverwirrte Herr Brule meint, sind Reporter. Reportagen gibt es wenige in den Blogs. Schon aus dem Grund, dass ich mir Kai Strittmatter nicht leisten kann. Mein persönliches Feuilleton aus Batz, Stefan Niggemeier, Johnny, Fred, Andreas, wirres und René allerdings lese ich lieber als Opernkritiken im SZ-Feuilleton.
Und was kopierte Meldungen angeht: Da finde ich lieber über Technorati einen Kreuzberger Kopiermeister, als dass ich mich im SpOn-dpa-Archiv umtue. Support your local Copyist.

15 comments

  1. Ach Malte, you know the Süddeutsche und Internet: Is wie Heilsversprechen und Schorf abpulen – das geht nicht zusammen und es bleiben Narben.

  2. Ich bin ja keine Gebärmutter, also gebäre ich keine Nachrichten, ich greife sie auf, setze sie zueinander in Verbindung und kommentiere sie. Was also unterscheidet mich von deinem Reporter. Gut der kann schreiben.

    Aber ansonsten. Er sieht und schreibt über das was er sieht. Ob ich das Lächeln eines Kindes, den morgendlichen Wasserdampf über dem Wasser des kleinen Sees und Notwendigkeit Menschen Chancen zu geben, zusammenfasse und meinen Senf dazugebe dann leiste ich die gleiche Arbeit. Wenn auch sprachlich schlechter.

    Die Informationen die in jenem großen Fluss an uns vorbeitrieben, sind wie Fische, sie müssen gefangen, gereinigt und zubereitet werden. Früher saßen an diesem Fluss tausende von Journalisten, Hinteres Walddorfblättchen über Kreisboten bis zur Süddeutschen. Heute gibt es noch die Handvoll der Großen, die aber nur noch Welse oder besser Hartz-IV-Empfänger fangen. Auftragsfischerei eben.

    Die breiten vor dir keine Übersicht aus den Schätzen des Informationsflusses mehr aus, sondern verkaufsfertige Einheitsware. Gestern, Heute und Morgen, Wels, filetiert, in immer gleicher Größe. Gelangweilt wartest du nur noch darauf, wenigstens eine Gräte zu finden, die dich ablenkt.

    Die Blogs sind das Gegenteil. Jahrmarkt, Berg- und Talbahn. Laut, schräg, falsch. Sie fangen Stiefel, Enten, aber auch Fische. Oft nur die kleinen, manchmal aber auch die großen.

    Ihre Präsentationstische sind immer irgendwie unordentlich. Aber trotzdem gehen wir alle gerne gucken und kaufen auch. Wir wollen die bunten Fische, nicht den Einheitsbrei.

    Freu dich jede Sekunde, in der wir diesen Markt noch haben. Es wird anders werden, unsere Freiheit wird bald vorbei sein. Niemand kann all die Abmahnungen zahlen. Der Markt wird kleiner, zum Schluß bleiben nur die großen langweiligen, die mit dem Normfisch.

    Lies mal im unteren Teil dieses Textes:

    http://www.duckhome.de/tb/archives/1976-Gipfelkreuze-zu-Gipfelhalbmonden.html

  3. “Man greift auch nicht in den Arsch einer Kuh in der Hoffnung, ein Schnitzel heraus zu ziehen.”

    Wie großartig. Ich will ein Kind von Dir.

  4. Das mit dem zusatzlosen Vornamen bringt mich immer ziemlich durcheinander.

  5. Das mit dem zusatzlosen Vornamen bringt mich ziemlich durcheinander.

  6. Sorry, bitte zumindest das Doppel löschen. War neugierig, ob das posten unter “Malte” eigentlich klappt.

  7. Ich hatte nie so richtig Bock auf Technorati (nebenbei: soll das ein diminutiv sein?) und ähnliches. Mir ist das zu sehr Schwanzvergleich.
    Wundert mich, dass ihr Alphablogger überhaupt noch andere Blogs wahrnehmt, wo doch die immer gleichen Verdächtigen in eurer Blogroll stehen. Ernsthaft: wenn man sich die Top-20 ankuckt könnte man ob der inzestuösen Verlinkung untereinander glauben, dass es eben nur diese Top 20 in Deutschland gibt. Verstehe mich nicht falsch: ich mag deine Schreibe, halte Spreeblick, Niggemeier etc. für großes Tennis. Dieses selbstreferenzielle Getue wird jedoch spätestens dann affig, wenn es mit gnädigem Runterkucken auf nicht so bekannte Blogs (“können zwar alle nicht schreiben und kopieren deswegen nur – aber für ein paar Plattentipps sind sie ok”) einher geht.

  8. @marcel weiß
    In der Schlange stehe ich schon …

  9. Ich persönlich versuche vor allem immer Redundanz zu vermeiden. Nicht nur meine eigene, sondern die allgemeine Redundanz. Wenn ich meine Meinung irgendwo vorher lese, ist das Thema für mich verbrannt.

    Redundanz ist das was, das die Presse tut. Über alles berichten, worüber “man” halt berichten muss. Denen geht es nicht darum etwas hinzuzufügen, sondern, etwas auch genau das zu berichten, was XY berichtet. Ist auch OK so. So funktioniert das eben, das Nachrichtengeschäft.

    Wenn ich mir ein Thema vornehme, muss ich das Gefühl haben, eine Meinung dazu zu haben, die über die übliche Berichterstattung hinaus geht. Und wenn es nur ne Kleinigkeit ist. Ein “Was ich dazu noch mal anmerken würde…“.
    Ich denke, das geht den meisten Bloggern so. Und das ist eben auch das, was man in Blogs findet: Die volle Bandbreite an Sichtweisen auf ein und das selbe Thema. Und im Zweifel auch die Originellste. Und wenn man lange sucht auch sogar eigene.

  10. Viele Blog-Leser erwarten nunmal von Bloggern auch eher, dass sie sich als Filter in den Weiten des Web betätigen, anstatt neue originelle Ideen zu hervorzubringen oder den Leser zum Nachdenken anzuregen.
    Ich kann verstehen, dass gerade du, der zu den originellen Schreibern gehört, das manchmal als frustrierend ansehen muss. Das sind die nackten Gesetze des Marktes…

  11. wenn diese doch meiner meinung nach großteils schwachsinnigen spacken dein feuilleton sind, dann bist du verloren.

  12. Mart hat sowas von Recht…

  13. @ sarah
    wer ist denn da ein schwachsinniger spack? und inwiefern?
    @ Fragezeichner
    gar nicht. außerdem gehöre ich selber auch zum filtersystem.
    @ mspro
    das ist ziemlich genau auch meine sicht. muss ich also nichts weiter zu schreiben:)
    @ mart @ ugugu
    tut mir leid, wenn ihr das so versteht. was ich meine: wenn ich über technorati oder die google-blog-suche gehe, mich also in der lage wiederfinde, in der jemand ist, der sich mit blogs nicht auskennt, dann finde ich – entsprechend der formel “99% von allem ist mist” – überwiegend mist. aber natürlich ist in blogs jenseits der top 100 tag für tag mehr gutes zu finden als in den ersten 20. long tail halt. das findet man aber nicht über technorati. das war die aussage, da sollte kein herabschauen drinstecken. bin doch selber winzblogger.
    @ Jochen Hoff
    “Die Blogs sind das Gegenteil. Jahrmarkt, Berg- und Talbahn. Laut, schräg, falsch. Sie fangen Stiefel, Enten, aber auch Fische. Oft nur die kleinen, manchmal aber auch die großen.”
    das ist wirklich sehr schön, das bild. das hänge ich mir ins wohnzimmer:)

  14. Ist Tyler Brule (wich weiß gar nicht wie Du die vielen Fliegenschisse auf die Buchstaben drauf kriegst), mit Creme Brule verwandt, verschwippt und verschwägert? Weisst du das was?

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